Dr. Christian Stäblein, Bischof der evang. Kirche Berlin-Brandenburg–schlesische Oberlausitz im Streitgespräch mit Dr. Ulf Poschardt, Journalist, Medienmanager, Publizist und Autor, unter Moderation von Sascha Hingst, Jurist, vielfältiger ARD / rbb Fernseh- und Radiomoderator
über „Hat die Kirche sich vom Glauben verabschiedet?“ Seenotrettung statt Spiritualität? Klimakatastrophe statt Transzendenz? War das Evangelium nicht immer hochpolitisch? Hat christliche Ethik nicht immer schon Folgen für das gesellschaftliche Zusammenleben…?
Mit dem Rundfunk Berlin Brandenburg, konkret dem rbb24 Inforadio Forum als Veranstaltungspartner, begrüßte die Freundeskreis-Vorsitzende Anne-Ruth Moltmann-Willisch die Mitglieder, Freunde, Unterstützer und Gäste zu einem besonderen Abend in der randvoll besetzten Kirche St. Peter & Paul. Sie dankte den Ehrengästen Dr. Christian Stäblein, Bischof der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg – schlesische Oberlausitz, sowie den bekannten Journalisten Dr. Ulf Poschardt und Sascha Hingst für ihr Kommen und dem rbb für die Kooperation zum Streitgespräch über die heutige Rolle der Kirche. Bevor Moderator Sascha Hingst übernahm und die „Kontrahenten“ als beide meinungsstark vorstellte, erläuterte sie Motive und Ziele des 2018 gegründeten Freundeskreises, zum Erhalt der Kirche mit ihrer russisch-preußischen Geschichte ohne eigene Gemeinde auch mit unterschiedlichen Gesprächs- und Veranstaltungsformaten beizutragen und mit Leben zu erfüllen.
Ist die Kirche zu politisch? Reden Geistliche zu viel über Seenotrettung und zu wenig über Spiritualität?… Die zugespitzte Kirchen-Kritik des überzeugten Protestanten Poschardt brachte Hingst gleich auf den Punkt und konfrontierte die Gesprächspartner mit der Frage, wo christliche Nächstenliebe endet. Für Poschardt erkennen wir uns in der Mitmenschlichkeit selbst, nicht aber in einer Selbstzuschreibung zur moralischen Selbsterhöhung. Aus der ev. Kirche habe ihn ein bemerkenswerter Ton etwas vertrieben, wenn sie Stichwortgeber ist,
auch auf Kirchentagen, für eine bestimmte, links-grüne politische Richtung, die sich z.B. in der TAZ finde. Jeder Kontext habe ein Sprachspiel, Predigten seien keine Leitartikel, das Niveau vieler Predigten grottig schlecht, aber moralisch hoch angesiedelt. Auch Stäblein sieht in der Nächstenliebe eine Grundhaltung, etwas, das Gott uns mitgibt, nicht auf Grenzen angelegt, die aber im politischen Raum an Grenzen stößt. Ihr Motiv sei aber nicht Selbsterhöhung, sondern Selbstrücknahme, es gehe um die Begegnung mit Gott im anderen Menschen, um die Würde des anderen, die bereichert und Hingabe auslöst, Gott mit ganzer Kraft zu lieben. Die Nachfrage Hingst, ob die Kirche verlängerter religiöser Arm der Linken sei, verneinte Stäblein, aber Kirche sei immer mit gesellschaftlicher Auswirkung verknüpft und insoweit politisch, wenn es z.B. um Armenfürsorge oder Worte der Bibel zur Flüchtlingshilfe gehe, nicht um reine Innerlichkeit. Die Grenze ist für ihn die Parteipolitik, das dürfe Kirche so wenig sein wie Zeitung. Für Poschardt hat dagegen die EKD mitgeholfen bei der Moralisierung aller Fragen, wie er es in seinen Büchern „Shit-“ und „Bück-Bürgertum“ beschrieben habe. Man sehe eben „irre gut“ aus, wenn man Flüchtlinge rettet, und die kirchliche Dialektik führe dazu, sich selbst zu gefallen. Die Verantwortung für Flüchtlingshilfe dürfe die Kirche aber nicht verkennen. Stäblein bezeichnete das als nicht nachvollziehbares Zerrbild, Moralisieren und Suche nach Gerechtigkeit sei zu trennen. Er war auf Hingst` Frage hin überzeugt, dass nicht nur die Lage von Flüchtlingen in Seenot viele Predigten beschäftigten, sondern auch Opfer von Straftaten, wenn sie von Flüchtlingen begangen wurden. Das freute Poschardt, der das Thema am Beispiel des verzweifelten Vaters eines ermordeten Kindes illustriert hatte, und seine zynische Sprache auch als Reaktion auf die – aus seiner Sicht moralisierende – der Kirche verstanden wissen wollte. Dies habe dazu beigetragen, dass die Kirche dramatisch Mitglieder verliere, während gleichzeitig jede „Esoterik-Bude“ wachse. Wie holen Sie Menschen wie Poschardt ab? – wollte Hingst deshalb vom Bischof wissen, der sein Einvernehmen formulierte, dass Predigten relevant sein müssen, aber nicht (immer) fehlerfrei seien. Predigt werde erst „richtig“, wenn man hinterher darüber spricht. Das sei protestantische Haltung. Die Kraft des Evangeliums spreche aus anderer Quelle als eine Zeitung, was Poschardt gerne hörte, der aber auch fragte, welcher Eindruck prägend sei? Eine Klimapredigt nach der anderen sei eher „peinlicher Protestantismus“, wenn nicht z.B. auch auf positive
Aspekte von Atomkraft aufmerksam gemacht werde. Die Urform des Protestantismus bleibt für Stäblein, sich selbst zu befragen und die Welt zu hinterfragen, das solle man nicht verächtlich machen.
Sascha Hingst` Schlussrunde, wo – wenn sie müssten – die Gesprächspartner dem jeweils anderen Recht geben würden, ließ mehr Übereinstimmungen zwischen beiden erkennen, als mit ihrem Gespräch, in dem sie sich gegenseitig argumentativ „nichts schenkten“, zu erwarten gewesen wäre. Ulf Poschardt sprach von einem Tortendiagramm mit 70% Übereinstimmung, zeigte sich positiv überrascht über die offene Diskussion, hielt aber als noch ungeklärt fest, wie wir die Flucht aus der Kirche bekämpfen wollen. Christian Stäblein anerkannte Poschardts „Ringen“ um die Frage, wie stellen wir uns dem Bösen und was gibt uns der Glaube, dem zu begegnen; seine Sprachform erschwere aber das Verstehen und entzünde Empörung, die doch aktuell gerade ein Problem unserer Gesellschaft ist.
Beobachtungen aus dem Publikum, dass die Kirche sich (zu) stark in zivilgesellschaftlichen Aktivitäten engagiert, sowie daraus folgende Nachfragen nach dem Proprium der Kirche in Zeiten sinkender Einnahmen und nach den entscheidenden Motiven für die Kirchenaustritte zeigten das überaus hohe Interesse am Thema und ein engagiertes Verfolgen des Gespräches. Traditionsbrüche und Säkularisierungstendenzen führen laut Stäblein zu Austritten, weniger weltanschauliche Fragen oder die Entdeckung von Kirchensteuerabzügen auf dem Lohnzettel.
Mit dem Hinweis, dass es Wein vor allem nur in der katholischen Kirche gebe, heute aber auch auf Nikolskoe, gelang Moderator Hingst noch der elegante Übergang zum Schlusswort der Vorsitzenden, die unter starkem Beifall den drei Ehrengästen herzlich dankte und auf den Vorplatz der Kirche zum Empfang und weiterführenden Austausch einlud. Ein besonderer Abend auf Nikolskoe fand so seinen entspannt angeregten Ausklang.
Text: Klaus Bräunig
Fotos: Ina Burrack, Andrea Jark








