Sommerabend am 29. Juli 2026

Boris von Brauchitsch: Paula Modersohn-Becker

MDer bekannte und vielseitige Kunsthistoriker Dr. Boris von Brauchitsch hatte schon am 22. Mai 2024 ein dankbares Publikum in St. Peter und Paul gefunden, als er zu Caspar David Friedrich sprach. Nun bewies er einmal mehr, dass er nicht nur ein sorgfältig recherchierender Autor,
sondern auch ein begnadeter Erzähler ist.

Grundlage seines Vortrages war seine kürzlich im Insel Verlag erschienene Biografie von Paula Modersohn-Becker, die an ihren 150. Geburtstag anknüpfte. Viele Bilder von Paula und Weggefährten wurden auf die große Leinwand im Altarraum projeziert und machten ihr Leben und Wirken damit im wahren Wortsinne anschaulich. Aber am besten lässt sie sich über ihre zahlreichen Briefe und Tagebucheinträge entschlüsseln, die ihr kurzes Leben und ihre Gedankenwelt mindestens so gut wie ihre Bilder reflektieren.

Als Frau ohne Zugang zu einer staatlichen Kunstakademie und den damit verbundenen Ausstellungsmöglichkeiten musste sie sich ihren Weg gegen vielfältige Widerstände erkämpfen, wurde zunächst als Lehrerin ausgebildet und als sie sich dann doch ganz der Kunst widmet, muss sie gehässige Rezensionen nach ihrer ersten Kabinettausstellung in der Bremer Kunsthalle ertragen und findet sehr unterschiedliche Betätigungsfelder und menschliche Erfahrungen bei ihren wiederholten Aufenthalten in Worpswede und Paris. Dabei formte sich ihr Wille, ihr Leben kompromisslos in die eigenen Hände zu nehmen. In Worpswede traf sie nicht nur auf die bekannten Mitglieder der „Künstlerkolonie“ (diesen heute gebräuchlichen Begriff dekonstruiert von Brauchtisch mit beachtlichen Argumenten), u.a. auch die Bildhauerin Clara Westhoff, zu der sie sich sehr hingezogen und geistesverwandt fühlt, aber auch Rainer Maria Rilke, der eben- falls eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielt, dann aber Clara heiratet. Die Frage „Was hätte vielleicht sein können?“ wird nicht nur mit Blick auf Rilke, sondern auch bezüglich Clara gestellt (und offengelassen).

Auf den elf Jahre älteren Otto Modersohn trifft sie in Worpswede, und sie heiraten 1901, kurz. nachdem dessen Frau Helene verstorben ist. Einfach ist diese Verbindung nicht, und gerade bei gemeinsamen Besuchen in Paris wird deutlich, wie weit die Gefühlswelten von Paula und Otto auseinanderklaffen. In Worpswede malt Paula sowohl die typischen flachen Landschaften, oft mit nur wenigen Bäumen, aber auch Menschen, meist arme und oft auch nackte und verletzliche Menschen. Dabei ist ihr klar, dass das bäuerliche Leben für sie, die Städterin aus Dresden und Bremen, letztlich nur eine Illusion sein konnte.

Paula Modersohn-Becker verstarb 1907 im Alter von 31 Jahren kurz nach der Geburt ihrer Tochter.

„Wie schade!“ sollen ihre letzten Worte gewesen sein. Neben dem vordergründig Richtigen dieser Aussage liegt darin auch die Frage, was aus ihr – der im Lichte ihrer Entwicklung als Mensch und Künstlerin gerade nicht frühvollendeten – noch hätte werden können. Wer wollte das beantworten?

Nach diesen nicht gerade leichten Themen und mit den teils nüchternen und in erdigen Farben gehaltenen Bildern von Paula Modersohn-Becker vor dem inneren Auge entließ uns St. Peter und Paul auf den sommerlich hellen Vorplatz mit seinem atemberaubenden Blick über die Havel, wo ein jeder auf seine Weise den Abend bei Gesprächen, Getränken und Brezeln ausklingen lassen konnte.

Boris von Brauchitsch sei Dank für seinen eindrucksvollen und vielschichtigen Vortrag!

Text: Dr. Michael Giesen / Fotos: Almut und Dr. Michael Giesen, Anne-Ruth Moltmann-Willisch